| Ich hatte einen sehr, sehr seltsamen Traum. Vermutlich zeigte es die Zeit vor ein paar Wochen, vielleicht ging es jedoch etwas weiter. Wie dem auch sei... Ich bin aus der Schweiz zurückgekehrt, konnte mich nicht entscheiden, ob ich hier in Leipzig bleiben will oder nach Nordhausen zu meiner Mutter fahren möchte (obwohl meine Mutter in Wirklichkeit nicht mehr dort lebt) - die Wohnung war meistens leer und dort hatte ich sozusagen meine Ruhe. Ich war in Leipzig geblieben, und ich kann mich an ein paar Szenen zwischendurch nicht mehr erinnern, es gab seltsame Dinge auf der Straße, ich wurde fast von Autos angefahren... die nächste Szene, die ich sehr klar in Erinnerung habe, ist wie ich vor meinem Rechner sitze... und tot bin. Ja, ich war tot. Aber ich schätze, mein Traum-Ich ist davon ausgegangen, es wäre langweilig, wenn der Traum an dieser Stelle vorbei wäre - die Geschichte ging erst los.
Mein Körper war tot, aber mein Geist war da, zwang sich, zu bleiben - nicht zuletzt durch die Tatsache, dass Stefan ins Zimmer kam und die offensichtliche Leiche bemerkte. Die Reaktion kann man sich denken, und ich habe es schon immer gehasst, wenn Leute ausrasten und heulen. Als Geist bin ich auf ihn zu und habe versucht, auf ihn einzureden, doch er bemerkte mich nicht, sah nur den toten Körper. Ich kann mich an das seltsame, befremdliche Gefühl erinnern, als ich mich wieder zurück in den Körper zwang. Ich kann es nicht beschreiben, egal wie lange ich darüber nachdenke, wie ich es beschreiben sollte. Ich spürte jede Faser meines Körpers - von innen. Es war kalt und ungemütlich, und ich hatte Schwierigkeiten, diverse Flüssigkeiten unter Kontrolle zu behalten - Blut tropfte von meinen Fingernägeln, meine Augen tränten. Ich weiß, wie ich mich sammelte, versuchte, Stefan klarzumachen, dass alles gut werden würde.
Wieder gibt es viele Risse in meiner Erinnerung, ich erinnere mich nur an Bruchstücke, an Informationen, keine zusammenhängenden Szenen. Ich besuchte Ärzte, die sich nicht über meinen blutleeren, kalten Körper wunderten, für die es anscheinend Normalität war, Toten zu helfen, wie Lebende auszusehen. Dann wurde ich von anderen wie ich an einen geheimen Ort geführt, wo ein sehr alter, weiser Mann leben sollte, der mich in die Geheimnisse des Seins einweihen würde. Ich war also untot - ein Zombie, obwohl die anderen dieses Wort als Beschimpfung ansahen - sie nannten sich Wiedergänger. Es gab viele Wiedergänger, obwohl die meisten von innen höheren Alters waren und sich nicht besonders darum kümmerten, ob ihr Körper funktionierte - nur so weit, um nicht aufzufallen. Die meisten Wiedergänger waren bemitleidenswerte Geschöpfe, zutiefst unglücklich und verloren. Sie klammerten sich an das Leben, was ihnen immer mehr entwich, bis sie ihre Körper nicht mehr zusammenhalten konnten oder sich zu weit von ihnen entfernten. Dann vergingen sie. Einige jedoch hatten einen Gefallen an ihrer untoten Existenz gefunden. Sie sammelten Wissen, Bücher, gingen so gut es ging weiterhin ihren Berufen nach. Sie häuften Geld und Besitztümer an. Ganz andere strebten nach okkulten Mächten. Es gab ein weitläufiges Untergrundnetzwerk, das den Wiedergängern half, unter den Lebenden ihr Dasein zu fristen - Ärzte, die ihren Körper nach und nach zu einer eigenständig funktionierenden Maschine umwandelten, ihnen Blutpumpen und Herzschrittmacher, genau wie neue Zähne, Haare und Fingernägel einpflanzten - es erleichterte die Existenz des Wiedergängers ungemein. Ein Problem, mit dem ich mich sehr schnell konfrontiert sah, ist die Unfähigkeit des Wiedergängers zu schlafen. Der Geist wurde schnell müde, jedoch konnte man nicht einfach die Augen zumachen und schlafen - der Körper des Wiedergängers wurde nur durch seinen ungeheueren Willen in einer halbwegs ansehbaren Form erhalten. Wenn der Wiedergänger nicht mehr auf seine physiologischen Vorgänge achtete, funktionierte das System nicht, das Herz hörte auf zu schlagen, das Blut entwich aus dem Mund, der Nase - und ein wichtiges Merkmal der Wiedergänger - aus den Fingernägeln. Ich erinnere mich an einige Momente, in denen ich meinen Körper verließ, von außen betrachtete, wie er in sich zusammensackte, wie die blutunterlaufenen Fingernägel immer dunkler wurden, die Muskeln erschlafften. Es war interessant, aber gefährlich, da der Körper dadurch verfiel. Ich erinnere mich an Szenen, in denen mir die Zähne ausfielen und von eingeweihten Ärzten wieder angeklebt wurden. An Szenen, in denen ich versucht war, den Körper zu verlassen und ins Jenseits überzugehen, weil es unendlich viele Dinge gab, zu denen der Wiedergänger nicht mehr in der Lage war. Jedoch war ich nicht umsonst ich. Auch ich strebte in meiner neuen Existenz nach immer größeren Macht, versuchte gleichzeitig, meinen Körper in seiner perfekten Form zu erhalten. Niemand in meiner unmittelbaren Umwelt ahnte etwas. Vielleicht abgesehen von meiner Tochter, aber sie gewöhnte sich schnell dran, dass ich etwas anders war als die meisten.
Der Traum hatte an einer unpassenden Stelle aufgehört - als ich Baldoth, den "Meister" der Wiedergänger besuchen wollte - er wollte mir beibringen, wie man sich eines fremden Körpers bemächtigt. Es wäre bestimmt eine interessante Erfahrung. |